Fluchtursachen

Fluchtursachen bekämpfen, nicht die Flüchtlinge!

In den aktuellen Debatten zu Flucht und Asyl wird häufig die Forderung erhoben, dass es doch viel sinnvoller und besser sei, die Fluchtursachen in den Herkunftsländern zu bekämpfen, als den Flüchtlingen bei uns in Deutschland Aufnahme zu gewähren. Das klingt sinnvoll, ist aber schneller gesagt als umgesetzt.

Grundsätzlich gilt: Niemand verlässt seine Heimat ohne Grund! Und die Fluchtgründe liegen nicht nur in den Ländern des Globalen Südens, sondern haben oft ihre tieferen Ursachen in den reichen Ländern des Nordens.

Fluchtursachen

Weltweit zählt das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) für 2016 ca. 65,3 Millionen Menschen auf der Flucht – Tendenz seit Jahren steigend.

Durch (Bürger-)Kriege bzw. von Gewalt regierte zerfallene Staaten werden Millionen Menschen zu Flüchtlingen oder zu Vertriebenen im eigenen Land. Alleine die Konflikte in den Ländern Syrien, Irak, Afghanistan, Somalia, Sudan, Süd-Sudan, Demokratische Republik Kongo und Zentralafrikanische Republik sind für weit über 20 Millionen Menschen auf der Flucht verantwortlich.

Diktatur und schwerste Menschenrechtsverletzungen führen ebenfalls zur Flucht, wie aktuell massenhaft aus Eritrea, aber auch schon lange aus anderen totalitären Regimen wie dem Iran oder Sudan.

Fluchtursache rassistische Diskriminierung: Soziale Gewalt gegen ethnische Minderheiten durch systematischen Ausschluss von Entwicklungsmöglichkeiten sind auch in Europa eine Realität. Darum ist es nicht überraschend, wenn Angehörige der Romaminderheiten aus Südosteuropa eine bessere Zukunft u.a. in Deutschland suchen.

Fluchtursachen, für die wir durch unsere Politik und Wirtschaft direkt verantwortlich sind

Von der UNO werden weltweit ca. 300 Millionen MigrantInnen gezählt, also Menschen, die aus unterschiedlichen Motiven für eine bestimmte Dauer eine internationale Grenze überschreiten, um an einem anderen Ort zu arbeiten und zu leben. Zu den Migrationsgründen zählen auch Not und die Bedrohung des Überlebens. Was hiesige PolitikerInnen gerne mit „Wohlstandsgefälle“ beschreiben, sieht aus der Perspektive des Südens wie eine unbezwingbare Steilwand aus. Dieses krasse Gefälle wird „produziert“ und führt ebenfalls zu erzwungener Migration, auch wenn die Gründe nicht in der Genfer Flüchtlingskonvention aufgenommen sind und darum kein Asylrecht in Deutschland nach sich ziehen.

Fluchtursache Globalisierung: Um die Gewinne zu maximieren verlagern seit den 1970er Jahren global agierende Firmen ihre Produktion zunehmend in die Länder mit den  geringsten Löhnen, Steuern sowie Sicherheits- und Umweltauflagen. So steigt zwar in der Summe permanent der Weltwohlstand, die Ungleichverteilung auf Reiche und Arme wird aber immer extremer – auch in den Ländern des Nordens! Die Strukturan­passungspro­gramme der mächtigen Geberinstitutionen im Rahmen der internationalen Schuldenkrise oder die Spekulation mit Nahrungsmitteln an den Börsen der Welt führen zu einer weiteren Verarmung eines großen Teils der Menschheit.

Fluchtursache Reichtum: Paradoxerweise wird vielen Ländern des Globalen Südens gerade ihr Reichtum an Bodenschätzen, Rohstoffen und natürlichen Ressourcen zum Verhängnis. Der Rohstoff-, Energie- und Nahrungsmittel-Hunger der Industrie- und Schwellenländer sowie die global ungleiche Machtverteilung mündet in Außenhandelsab­kommen, deren Bedingungen einseitig von Akteuren wie der EU bestimmt werden. Rücksichtslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, „Landgrabbing“ für die Produktion von Agrosprit oder das Leerfischen der westafrikanischen Küsten seien hier  als Beispiele für die Folgen genannt. Migration bedeutet dann: Die Menschen reisen ihren Rohstoffen hinterher – nach Norden.

Fluchtursache Exportsubventionen: Während die EU bei Außenhandelsverträgen auf den Abbau von Steuern und Zöllen beharrt, wird die eigene Landwirtschaft subventioniert. Das führt beim Export von Agrarprodukten verrückterweise dazu, dass u.a. Gemüse oder Geflügel aus EU-Ländern auf den Märkten afrikanischer Länder deutlich billiger ist als heimische Produkte.

Der schnell fortschreitende Klimawandel verursacht extreme Hitze- und Dürreperioden und dann wieder übermäßigen Regen und Überschwemmungen in vielen Regionen des Globalen Südens. Es wird befürchtet, dass jährlich ca. 20 Mio. Menschen aus diesen Gründen ihre Heimat verlassen müssen. Diese Menschen tauchen in den Statistiken des UNHCR nicht auf, da es bisher keine internationale Konvention zum Schutz für Klimaflüchtlinge gibt.

 

Tiefere Analysen zu Fluchtursachen und zu ihrer Vermeidung und Überwindung finden Sie hier in folgenden Analysen und Broschüren:

Warum Menschen fliehen Ursachen von Flucht und Migration – Ein Thema für Bildung und Gesellschaft;
Medico International und GEW Gewerkschaft, Erziehung und Wissenschaft

Europa ist Exportweltmeister Rüstung, Klima, Dumpingpreise: Europa exportiert Fluchtgründe
Brot für die Welt, Medico International und ProAsyl

Fluchtursachen Made in Europe Über europäische Politik und ihren Zusammenhang mit Migration und Flucht
Friedrich-Ebert-Stiftung

„Fluchtursachen bekämpfen, nicht die Flüchtlinge!“
Auszug aus dem Themenheft „Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Flucht“ zum Judika-Gottesdienst 2016
Dietrich Gerstner, Zentrum für Mission und Ökumene in der Nordkirche